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6. November 2009

Deutscher Tourismustag 2009 – Innovationsmanagement statt Krisenszenario

Anwesend am Tourismustag sind vor allem Destination Management Organisationen, die oftmals Feuerlöscher Funktion für die aus der Krise entstehenden Probleme in touristischen Regionen übernehmen müssen und meistens auch unter massiven Druck geraten, wenn es dem Tourismus in der Region nicht gut geht. Angesichts der Krise der Wirtschaft im Jahre 2008 / 2009, die sich auch auf den Tourismus durchpauste, stand der diesjährige Tourismustag unter dem Motto „Innovation statt Krise“ – Statt Jammern wäre die Konzentration auf eine innovative Marktdurchdringung und Produktentwicklung viel hilfreicher, so meine subjektive Interpretation des Themas. Im Folgenden meine Eindrücke von der Veranstaltung…

Get Together im Sophienkeller – Ein Gespräch über Performance Marketing

Der Start des deutschen Tourismustages gestern im Sophienkeller – einem Paradebeispiel für Erlebnisgastronomie – lieferte die richtige Atmosphäre für informelle Gespräche und ein erstes Kennenlernen. Thema eines der Gespräche, das ich mit den Vertretern einer Landestourismusorganisation geführt habe, war die mögliche Einführung eines Performancemarketings. Was versteckt sich hinter diesem Begriff? Letztendlich bestand der Ausgangspunkt des Gespräches in der Frage, ob Social Media Maßnahmen für Tourismusregionen als Marketinginstrument überhaupt sinnvoll sind. Meine provokative Gegenfrage war: Sind denn Messeauftritte wie die ITB mit Budgets von 200 000 bis 2 000 000 Euro sinnvoll? Die Frage nach dem „sinnvoll“ lässt sich eigentlich nur anhand des Return on Investment beantworten. Nicht immer lässt sich dieser direkt als monetäre Größe messen. Jedoch lassen sich – mitunter in einem hochkomplexen Konzeptionsprozess – Ziele definieren und mit monetären Beträgen gleichsetzen. Ein Beispiel könnte sein, einen Kommentar durch einen Gast auf einer Facebook Fanpage mit einem Betrag X Euro gleichzusetzen. Dieses Spiel lässt sich zu einer beliebigen Tiefe durchspielen und so lässt sich infolge auch ein bereichsübergreifendes Controlling im Tourismusmarketing verwirklichen. Natürlich bedeutet das aber auch die Bereitschaft, im Nachlauf vieles Bestehende umzuwerfen – denn eines weiß ich sicher – mehrere hunderttausend Euro für einen Messeauftritt sind woanders besser angelegt…?

Die Tagung am Donnerstag

Nach einem wunderschönen Spaziergang mit Sonne und Wind entlang der Elbe und mit Blick auf die schöne Altstadt von Dresden (Semperoper usw.) bin ich am stylisch-futuristischen Kongresscenter angelangt. Die Tagung zum deutschen Tourismusag begann mit den üblichen politischen Grußwörtern, teils leicht wahlkampforientiert, teils sehr politisch, teils Versprechungen, teils Worthülsen, teils deutschlandweite Tourismustrends, aber nichts außerordentlich Ungewöhnliches.

Danach folgte ein längerer Vortrag von Herrn Steinle, Zukunftsinstitut (das sind NICHT wir 🙂 – wir heißen Tourismuszukunft – Institut für eTourismus, nur weil das heute verwechselt wurde!). Der Vortrag hat mich nicht vom Hocker gerissen, obwohl er einige interessante Grundaussagen enthielt:

  • Die wirtschaftliche Entwicklung des Tourismus ist selbst aktuell nicht so schlecht, trotz der Krise. Und zukünftig werden Steigerungen der europäischen Ankünfte von aktuell 334 Mio auf 717 Mio im Jahr 2020 erwartet.
  • Die aktuelle Wirtschaftskrise ist eine Häutung – in Boomphasen zuvor brachte der Markt viele Innovationen und Innovationsvariationen hervor, die nur aufgrund der guten wirtschaftlichen Lage existieren konnten. Unter dem Druck der Krise findet nun eine Konsolidierung auf die funktionierenden und starken Geschäftsmodelle statt. Die Komplexität des touristischen Angebots wird also reduziert im Verlauf einer Wirtschaftskrise.
  • Krisen bestehen in der Regel aus 2 Phasen: In der ersten Phase verteilt sich die Nachfrage einiger weniger ressourcenstarker Kunden auf das Luxussegment und der Rest der Kunden fragt billige Produkte nach. Im weiteren Verlauf, also Phase zwei einer Krise, bildet sich dann aber eine gesunde Mitte heraus. Kunden wollen weder übertriebenen Luxus noch zu starke preisbedingte Qualitätseinbußen hinnehmen und suchen folglich Produkte, die ihren Preis wert sind und einer gewissen Sinnsuche des Reisenden entsprechen – vom Redner als die „neue Bodenständigkeit“ bezeichnet.
  • Fazit: Netter Vortrag mit sehr vielen Beispielen, aber nicht wirklich neues Wissen und ich hätte mir eine fundiertere wissenschaftliche Herleitung gewünscht. Aber andererseits war das Publikum auch sehr breit gestreut und damit der Vortrag sicherlich im Sinne der Veranstaltung.

Nach der Mittagspause folgten weitere 3 Impulsreferate verschiedener Referenten. Hier ein paar Key-Learnings…

  • Im Internet geht es zukünftig um Beziehungen, Beziehungen und noch mal Beziehungen. Beziehungen sind das Gut im Internet, welches die Handlungsweise eines Marketingtreibenden mehr und mehr bestimmen wird.
  • Ideenfindung besteht aus drei Phasen: 1. Offenes Brainstorming / Spinnen ohne jede Begrenzung – Realität und Umsetzung wird ausgeblendet. Es gilt möglichst viele (mehrere hundert) Ideen zu sammeln. Dazu braucht es die notwendige Zeit und einen geeigneten, inspirierenden Raum. Der Raum sollte sich optimal in den Spannungsfeldern aus Entspannung & Konzentration sowie aus Sicherheit & Stimulation bewegen…  2. Verdichten – Topideen werden herausgearbeitet und konkretisiert – 3. Ideen werden zur Plänen umgesetzt und Next Steps mit festen Todos ausgearbeitet.
  • Innovationen heißt Fehler machen („Edison hat nicht nur die Glühbirne erfunden, er weiß jetzt auch, wie eine Glühbirne NICHT funktioniert…“) und Routinen zu durchbrechen.
  • Kreativtechniken können sein, sich in jemand anderes zu versetzen und dessen Sicht auf die Dinge bzw. dessen Anforderungen zu verstehen und dementsprechend das eigene Angebot zu gestalten. Beispiel: Winnetou besucht ein Kaufhaus… er braucht vor dem Kaufhaus einen Pferdestellplatz => Transferiert auf den eigenen Fall des Kaufhauses könnte das die Frage sein: „Brauchen wir Plätze vor dem Kaufhaus, wo Lebewesen (=Ehemann) auf die Einkäufer (=Ehefrau 😉 ) warten können? Eine weitere Kreativtechnik: Was machen andere, völlig branchenfremde Akteure gut? Kann man solche Dinge adaptieren? Ikea beispielsweise bietet Essen und Möbel kaufen am selben Ort… wie wäre ein Museum mit Gastronomie… oder ein Freizeitpark mit Abholservice… oder…

Fazit: Spannende Veranstaltung, aber das Thema Innovation hätte durchaus fundierter angegangen werden können. Auf wirklich zentrale Aspekte des ambitionierten Veranstaltungstitels „Innovationsmanagement“ wurde GAR NICHT eingegangen. Beispielsweise das Thema Innovationsdiffusion, also letztendlich die Frage wie sich Innovationen im Tourismus verbreiten und was die Hindernisse sind. Es war aber schön alte und neue Bekannte hier zu treffen!

Daniel Amersdorffer

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