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6. August 2008

Grundlagen-Artikel zum Thema Blog – Definition, Praxis und kommunikationswissenschaftliche Aspekte

Im Rahmen einer größeren Recherche bin ich heute über das Thema Kommunikationsethik beim Bloggen gestolpert und habe beschlossen einen Blogpost darüber zu schreiben. Zunächst einmal – Was sind Weblogs?

Weblogs werden regelmässig aktualisiert. Sie unterscheiden sich von anderen Kommunikationsplattformen wie Foren, darin, dass der aktuellste Eintrag am Anfang der Seite steht. So formt sich nach und nach eine chronologisch sortierte Reihung von Beiträgen unterschiedlicher Autoren.“ (zit. nach Koschnick 2008, S. 10). Durch die einfache Bedienung von Blogsoftware, so Oetting, trage sie zu einer Verlagerung der Mundproganda ins Internet bei (vgl. 2008, S. 87).

Blogs konkurrieren mit den klassischen Medien beim Zeitfaktor und der Verbreitungsgeschwindigkeit. Blogger reagieren besonders auf neue Themen im Netz sehr schnell und die Nachricht verbreitet sich aufgrund der Verlinkung über die Blogroll und die Aktualisierung des RSS-Feeds sehr schnell. Zudem wächst die Anzahl der Blogs jeden Tag rasant an, Anfang 2008 gab es weltweit bereits über 100 Millionen Blogs. Die Bloglandschaft gliedert sich dabei nach verschiedensten Themen und Betreibern auf. Koschnick nennt im Fokus Jahrbuch einige Blogarten (vgl. 2008, S. 13f) – für den Tourismus interessant könnten beispielsweise folgende sein: Krimiblog, Fotoblog, Artblog, corporate blog, Marketingblog, Litblog über Literatur, Mitarbeiterblog, Mobilblog (moblog), Stadtteil-Blog, Videoblog.

Diese Liste lässt sich sicherlich erweitern, jedoch fallen drei Hauptkategorien von Blogs auf, die jeweils spezifische Eigenschaften hinsichtlich Leserschaft, Funktionen, eingehaltener ethischer Normen und kommunikationsethischer Problemfelder besitzen (vgl. Beck 2008, S. 63-68).

Persönliche Onlinejournale besitzen einen kleinen, dem Autor bekannten Leserkreis. Sie dienen der Expression des eigenen Ichs, der Definition einer eigenen Identität und der Kommunikation mit den privaten Freunden. Durch diese oft lange andauernde Offenbarung des eigenen Privatlebens und der daraus möglichen Privatisierung der Inhalte per Download durch Dritte entsteht eine gefährliche Authentizität und ein bleibender Verlust von Teilen der Privatsphäre. Für die Privatblogger ist der wichtigste kommunikationsethische Anspruch, Dritte nicht durch Ihre geposteten Inhalte zu verletzen, so eine Studie. Zu letzterem kommen mir ehrlich gesagt Zweifel auf, denn das eigene ich zu auszudrücken heißt ja auch Meinungen zu anderen Personen zu bloggen?

Journalisitische oder laienjournalistische Blogs zielen eine für ihr Thema relevante Teilöffentlichkeit im Netz an. In einer meinungsbetonten und redaktionell oft kaum abgesicherten Weise werden themenaffine und gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch oder kulturell relevante Informationen gebloggt. Aus kommunikationsethischer Sicht hat diese Art des Bloggens eine große Schwäche, versucht sie doch persönliche Wahrheiten als echte Wahrheiten zu verkaufen oder gar journalistische Qualität zu erzeugen. Und nur selten sind Blogs durch eine entsprechende Kennzeichnung als Standort von Meinungsdiskursen gekennzeichnet. Dieser Vergleich geht natürlich von einem Idealbild hochqualitativen Journalismus’ aus, das in der Realität oft nicht so gegeben ist. Diese Art der Blogs versucht 2 Hauptansprüchen gerecht zu werden: wahrheitsgetreue Berichte und Wahrung von Urheberrechten. Hinsichtlich der Zitation ist anzumerken, dass bevorzugt andere Quellen der Blogosphere zitiert werden und auf diese Weise eine virtuelle Zitiergemeinschaft ein soziales Netz zwischen den Bloggern konstituiert.

Corporate Blogs wenden sich ebenfalls an eine Zielgruppe, allerdings bestimmt sich diese nicht direkt aus dem Thema des Blogs, sondern aus den strategischen Zielen des bloggenden Unternehmens. Die kommunizierten Inhalte geraten schnell in den Verdacht mangelnder Authentizität, da der Leser dem Unternehmen begründeterweise die Verfolgung bestimmter Ziele unterstellt. Problematisch wird es an der Stelle, an der unternehmenspositive Blogposts von einer nach außen als neutral dargestellten Person erfolgen. So wird Werbung als Journalismus verkauft. Während dies im klassischen Journalismus durch entsprechende Kodizes eindeutig geregelt ist, dass Anzeigen als solche gekennzeichnet werden müssen, gilt dies für den Blog noch nicht in diesem Maße – es fehlt an einer normativen Vorschrift.

Das Fehlen einer solchen Netiqette für Blogs wurde bereits 2002 von den Pionieren des Bloggens eruiert und bis heute gab es verschiedene Ansätze, die vier kritischen Themen des Bloggings normativ abzusichern (nach Kuhn 2005 in Beck 2008, S. 70f):

  1. Wird verdeckt über andere Personen berichtet?
  2. Ist der Blogger authentisch oder bloggt er im Auftrag eines Interessenträgers?
  3. Ist die im Netz offenbarte Identität der Blogger konsistent bzw. hat der Blogger eine argumentativ vertretene feste Meinung (oder ändert er Artikel nachträglich = kommt bei 40% der Blogger vor)?
  4. Postet und kommentiert der Blogger unter anonym oder als echte Person?

Schon bei diesen 4 einfachen Fragen wird ein grundsätzliches Problem der Analyse von Blogs deutlich: Blogs sind nicht gleich Blogs. Je nach Art des analysierten Blogs ergeben sich hinsichtlich seiner Ansprüche, seiner Leserschaft und deren Interaktionsmuster, seiner ethischen Kritikzonen etc. verschiedenste Fragestellungen.

Und zuletzt noch das Stichwort der Leserschaft: Der Blogger oder das Bloggerteam interagiert mit seinen Blogposts mit einer Leserschaft. Diese Interaktion kann einseitig oder dialektisch sein und sie kann in sich in verschiedenen Stärken äußern. Es wäre mal interessant, welcher Zusammenhang zwischen der morphologischen und sozial-interaktionalen Struktur der Leserschaft und der jeweiligen Art eines Blogs besteht – eine Analyse im Rückschluss also.

Literatur:

Beck, Klaus (2008): Neue Medien – alte Probleme? Blogs aus medien- und kommunikationsethischer Sicht. In: Zerfaß, Ansgar; Welker, Martin; Schmidt, Jan (Hrsg.): Kommunikation, Partizipation und Wirkungen im Social Web. Band 1. Grundlagen und Methoden: Von der Gesellschaft zum Individuum.Herbert von Halem Verlag. München 2008. S. 62-77

Koschnick, Wolfgang J. (2008): Zwischen Web 2.0 und Web 3.0 – Ein sehr vorläufiger Statusbericht. In: Koschnick, Wolfgang J. (Hrsg.): FOCUS-Jahrbuch 2008. Schwerpunkt Web 2.0 und 3.0. Reale und virtuelle Welt. Mit weiteren Beiträgen über Neuromarketing und Neuromarktforschung, elektronische Medienforschung, Werbung und Kultur, … S. 3-66

Oetting, Martin (2008) [²]:  Wie Web 2.0 das Marketing revolutioniert. In: Koschnick, Wolfgang J. (Hrsg.): FOCUS-Jahrbuch 2008. Schwerpunkt Web 2.0 und 3.0. Reale und virtuelle Welt. Mit weiteren Beiträgen über Neuromarketing und Neuromarktforschung, elektronische Medienforschung, Werbung und Kultur, … S. 79-98

D.A.

Daniel Amersdorffer

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